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Szenario 2 – Regionale Allianzen

Die Welt zerfällt zunehmend in isolierte geopolitische, wirtschaftliche und teils militärische Einflusszonen, was Handel und technologischen Fortschritt bremst. In diesem fragmentierten Umfeld bleibt Europa ein Pol der Stabilität, sieht sich jedoch verstärkt hybriden Bedrohungen ausgesetzt. Beim Klimaschutz fehlen bislang die nötigen Innovationen und die internationale Koordination, während der Biodiversitätsverlust globale und regionale Ökosysteme gefährdet. Trotz stagnierender sozioökonomischer Ungleichheit nehmen die Migrationsbewegungen zu.

Wie sieht die Welt in diesem Szenario aus?

Geopolitische Verhältnisse & Zusammenhalt der EU

In diesem Szenario zeichnet sich die Welt im Jahr 2040 durch eine starke geopolitische Fragmentierung aus. Es haben sich verschiedene regionale Allianzen von Staaten gebildet, welche ihre jeweilige Einflusssphäre mit politischen und teils militärischen Mitteln auszudehnen versuchen. Einige Allianzen pflegen untereinander weiterhin politische und wirtschaftliche Kontakte, wobei sich andere stark abschotten. Die europäischen Staaten profitieren in dieser unübersichtlichen geopolitischen Lage davon, dass die Europäische Union über etablierte Institutionen verfügt. Während die Allianzen in den übrigen Weltregionen von einer dominanten Grossmacht angeführt werden, werden die politischen und regulatorischen Entscheide in Europa weiterhin von mehreren Staaten mitgestaltet. Die EU nimmt in Europa und darüber hinaus eine Führungsrolle ein. Dabei bezieht sie auch Nicht-EU-Staaten sowie verschiedene multilaterale europäische Organisationen mit ein und baut durch diese ihren Einfluss in angrenzenden Regionen aus.

Globale Wirtschaft & Sicherheitslage

Parallel zu dieser geopolitischen Fragmentierung zeichnet sich auch in der Weltwirtschaft eine zunehmende Regionalisierung ab und es bilden sich weitgehend abgeschottete Wirtschaftsräume. Die Allianzen setzen insbesondere bei Industrieprodukten eigene Standards durch und die etablierten globalen Lieferketten stehen unter Druck. Der internationale Handel wird vermehrt zwischen Staaten bzw. Unternehmen innerhalb eines jeweiligen Wirtschaftsraumes abgewickelt. Zwischen den Allianzen beschränkt sich der Handel auf spezifische Güter und Rohstoffe, welche nur in gewissen Regionen vorkommen.

Diese unübersichtliche geopolitische und wirtschaftliche Lage spiegelt sich auch in der globalen Sicherheitslage. Während einige Regionen relative Stabilität bewahren, zeichnet sich in anderen eine Zunahme der Intensität sowie der Zahl zwischenstaatlicher bewaffneter Konflikte ab. Diese sind einerseits Ausdruck geopolitischer Rivalitäten und andererseits die Folge der wirtschaftlichen Schwäche einiger Regionen bzw. der daraus resultierenden sozialen Spannungen. In diesem volatilen Umfeld kommt es vermehrt zu hybriden Formen der Konfliktführung, bei denen militärische Mittel mit Cyberoperationen, Desinformationskampagnen, wirtschaftlichem Druck und der Nutzung nicht-staatlicher Akteure kombiniert werden. Dadurch entstehen zusätzliche Unsicherheiten und schwer vorhersehbare Eskalationsrisiken. Konflikte treten nicht nur in sich überschneidenden Einflusszonen auf, sondern teilweise auch zwischen Staaten, die derselben Allianz angehören. Der europäische Kontinent bleibt – dank einer weiterhin relativen politischen und wirtschaftlichen Stabilität – sicherheitspolitisch im Vergleich zu vielen anderen Regionen stabil, bleibt jedoch aufgrund der hybriden Bedrohungsformen erhöht exponiert.

Technologie, Klimawandel & Biodiversität

Der technologische Fortschritt stagniert weltweit, wobei deutliche regionale Unterschiede bestehen. In Staaten, welche bislang technologisch führend waren, wurden aufgrund ethischer Interessenskonflikte umfangreiche Regulierungen eingeführt, welche zu einer Stagnation in der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien geführt hat. Die übrigen Staaten konnten dies nicht kompensieren, da sie mit grossen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen konfrontiert waren. Im Weiteren beeinflusst die geopolitische Fragmentierung und der damit einhergehende Rückgang des Austauschs zwischen Forschenden die technologische Entwicklung weltweit negativ.

Die technologische Stagnation wirkt sich direkt auf die Fähigkeit der Staaten aus, die Problemstellungen in Zusammenhang mit dem Klimawandel anzugehen. So wurden keine nennenswerten neuen Technologien zur Reduktion der Treibhausgase oder zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels entwickelt. Es fehlen namentlich weiterhin Technologien, welche die Speicherung der im Winter benötigten Energie in einem ausreichenden Umfang oder die vollständige Dekarbonisierung der Mobilität ermöglichen. In Kombination mit der ausbleibenden globalen Koordination führt dies zu einem weitgehend ungebremsten Anstieg der Durchschnittstemperaturen und das 2-Grad-Ziel wird bereits 2050 verfehlt. Während einige Weltregionen – darunter die Mehrheit der europäischen Staaten – in die Anpassung an die Folgen des Klimawandels investieren, verzichten andere aufgrund fehlender Ressourcen auf derartige Massnahmen. Diese Regionen sind entsprechend überdurchschnittlich von den Folgen der zunehmend auftretenden Extremwetterereignisse betroffen. Gewisse Gebiete werden zunehmend unbewohnbar und es resultiert in diesen zusätzlich ein unwiederbringlicher Verlust an Biodiversität sowie regionaler Ökosystemleistungen. Der Zusammenbruch dieser natürlichen Grundlagen wirkt sich in diesen Regionen direkt auf die Ernährungssicherheit, die öffentliche Gesundheit und die wirtschaftliche Entwicklung aus. Im Weiteren birgt dieser das Potenzial, die globalen Lieferketten für bestimmte landwirtschaftliche Produkte zu gefährden.

Ungleichheit & Migration

Aus globaler Perspektive bleibt die sozioökonomische Ungleichheit im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts stabil. Es bestehen jedoch grosse Unterschiede zwischen den Allianzen: In Regionen, welche direkt oder indirekt von bewaffneten Konflikten betroffen sind oder eine Häufung von Extremwetterereignissen erleben, nimmt die soziale Ungleichheit deutlich zu. In anderen Regionen bleibt diese sozioökonomische Ungleichheit stabil oder nimmt gar ab. Letzteres ist insbesondere in Regionen der Fall, welche weiterhin ein Wirtschaftswachstum verzeichnen und über ein ausgeprägtes soziales Ausgleichssystem verfügen. Diese regionalen Unterschiede treiben auch die globalen Migrationsbewegungen an. In den Zielländern zeichnet sich jedoch eine zunehmende Regulierung der Zuwanderung ab. Während qualifizierte Arbeitskräfte eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, werden zahlreiche unqualifizierte Migrantinnen und Migranten an der Zuwanderung gehindert.

Was wäre die Situation in der Schweiz?

Verhältnis zur Europäischen Union

In diesem Szenario pflegt die Schweiz enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zur Europäischen Union, hält aber auch die Beziehungen zu anderen Regionen bzw. Allianzen aufrecht. Die Beziehungen zur Europäischen Union sind stabil aber zugleich herausfordernd, da sie gegenüber Drittstaaten und somit auch gegenüber der Schweiz zunehmend selbstbewusst und fordernd auftritt. Die Schweiz positioniert sich dennoch weiterhin explizit als neutraler und unabhängiger Staat, was es ihr punktuell ermöglicht, zwischen Konfliktparteien zu vermitteln. Die Schweiz und namentlich Genf hat als Standort zahlreicher internationaler Organisationen an Bedeutung gewonnen. Die UNO und das IKRK bleiben wichtige Institutionen für den Dialog zwischen den verschiedenen Regionen und Allianzen. Die Neutralität geniesst im internationalen Umfeld sowie auch in der Bevölkerung grossen Rückhalt.

Exportbranchen stark getroffen

Die anhaltende Regionalisierung der Weltwirtschaft und die damit einhergehende formelle und informelle Abschottung von gewissen Staaten hat die Exportbranchen stark getroffen. Namentlich die Pharma- und die Maschinenindustrie haben durch diese Entwicklung wichtige Absatzmärkte verloren, welche sie nur in einem begrenzten Rahmen durch die Erschliessung neuer Märkte kompensieren konnten. Kantone und Städte, in welchen diese Branchen traditionell stark waren, werden dadurch besonders getroffen.

Sicherheitspolitische Eigenständigkeit

Vor dem Hintergrund der uneinheitlichen und von hybriden Bedrohungen geprägten globalen Sicherheitslage erhöht die Schweiz die Ausgaben für die Verteidigungsfähigkeit kontinuierlich, aber nicht drastisch. Militärische Kooperationen mit anderen Staaten oder Allianzen reduziert sie auf ein Minimum. Da sich die Sicherheitslage in Europa nicht weiter verschärft, sieht sich die Schweiz keinen zunehmenden direkten Bedrohungen ausgesetzt. Kritische Infrastrukturen, Unternehmen und staatliche Institutionen in der Schweiz stehen weiterhin – aber nicht verstärkt – im Fokus hybrider Angriffe wie bspw. Cyberoperationen oder Informationsmanipulation.

Stärkung der digitalen Souveränität

Eine besondere Herausforderung für die Schweiz stellt die weltweite Stagnation im Bereich des technologischen Fortschritts dar. Der Forschungs- und Innovationsstandort leidet unter dem fehlenden Austausch mit Forschenden aus anderen Weltregionen. Nichtsdestotrotz ist die Schweiz bestrebt, technologische Innovationen zu fördern und setzt aufgrund der anhaltenden Fragmentierung zunehmend auf Technologien, welche vollständig in der Schweiz entwickelt und betrieben werden. Namentlich im Bereich der digitalen Technologien und Medien verspricht sich die Schweiz dadurch eine Stärkung der digitalen Souveränität.

Grenzüberschreitende Massnahmen zum Schutz der Ökosysteme

Die Folgen des Klimawandels treffen den Alpenraum und damit auch die Schweiz überdurchschnittlich stark. Überschwemmungen im Mittelland, sich abzeichnende Bergstürze in den Alpen und Trockenperioden im Sommer treten zunehmend häufiger auf. In den Nachbarstaaten der Schweiz setzt die Europäische Union umfangreiche Massnahmen für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels um. Nebst komplexen Infrastrukturen umfassen diese auch Projekte zur Renaturierung sowie zum Schutz der Ökosysteme. Hierbei setzt die Schweiz auf Kooperation mit der EU und den Nachbarstaaten, um grenzüberschreitende Massnahmen effektiv umzusetzen. Dies mindert den unmittelbaren Druck auf Bund und Kantone für Massnahmen in den Grenzregionen teilweise. Dennoch sind in der Schweiz weitere umfassende Massnahmen erforderlich.

Koordinierte europäische Asyl- und Grenzschutzpolitik

Die volatile Sicherheitslage in zahlreichen Weltregionen sowie die Auswirkungen des Klimawandels führen zu einem Anstieg der Fluchtmigration, wobei die europäischen Staaten – und somit auch die Schweiz – aufgrund der relativen politischen und wirtschaftlichen Stabilität ein beliebtes Zielland sind. Die EU koordiniert eine europäische Asyl- und Grenzschutzpolitik, in welche auch die Schweiz eingebunden ist. Die Schweiz nimmt in diesem Rahmen jährlich eine festgelegte Zahl an Asylsuchenden auf und unternimmt grosse Anstrengungen zu deren Integration in den Arbeitsmarkt. Dies steht in Einklang mit ihrer Migrationspolitik, welche prioritär im Zeichen des vorwiegend durch die demografische Alterung bedingten Arbeits- und Fachkräftemangels steht.

Zunehmende Debatte über Umverteilungspolitik

Die globale sozioökonomische Ungleichheit bleibt stabil, wobei grosse regionale Unterschiede bestehen. In verschiedenen Weltregionen nimmt die sozioökonomische Ungleichheit drastisch zu, während sie sich in einigen europäischen Staaten als Folge einer Umverteilungspolitik verringert. In der Schweiz verändert sich die sozioökonomische Ungleichheit im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts kaum. Bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung führt dieser Stillstand zu Unverständnis und Forderungen nach einer Anpassung der Umverteilungspolitik prägen die politischen Debatten im Bereich der Altersvorsorge, der Krankenversicherung sowie auch der Wohnungspolitik.

Die anderen Szenarien

Szenario 1 – Geteilte Weltordnung

Die globale Ordnung ist tief gespalten: Zwei rivalisierende Grossmächte mit unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen ziehen die Welt in entgegengesetzte Richtungen, während Europa intern fragmentiert bleibt. Diese Rivalität dämpft den Welthandel, verschärft sozioökonomische Ungleichheiten und treibt damit soziale Polarisierung sowie Migration an. Zudem mündet der technologische Wettlauf zunehmend in hybride Konflikte, wodurch dringliche Umweltfragen ins Hintertreffen geraten – eine Entwicklung, die die ohnehin angespannte Lage weiter destabilisiert.

Szenario 3 – Dominierende Macht

Eine einzelne Macht dominiert die globale Bühne politisch, wirtschaftlich, technologisch und militärisch, setzt ihre Standards durch und drängt Europa in eine begrenzte Rolle. Diese Hegemonie befeuert eine neue Globalisierungswelle, die Wachstum und Sicherheitsstabilität fördert und tendenziell Ungleichheiten sowie Migrationsdruck mindert. Zwar festigt die technologische Dominanz die Abhängigkeit, doch dank ihrer Innovationen kommen der Klimaschutz voran, die Emissionen sinken und die Biodiversität wird gestärkt.

Weiterführende Inhalte

Handlungsfelder für die Schweiz

Die Erkenntnisse aus dem Szenarien-Raum sind bereits in der Gegenwart zu adressieren, um zentrale Herausforderungen sowie Chancen erfolgreich nachhaltig zu bewältigen bzw. zu nutzen.