Szenario 1 – Geteilte Weltordnung
Die globale Ordnung ist tief gespalten: Zwei rivalisierende Grossmächte mit unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen ziehen die Welt in entgegengesetzte Richtungen, während Europa intern fragmentiert bleibt. Diese Rivalität dämpft den Welthandel, verschärft sozioökonomische Ungleichheiten und treibt damit soziale Polarisierung sowie Migration an. Zudem mündet der technologische Wettlauf zunehmend in hybride Konflikte, wodurch dringliche Umweltfragen ins Hintertreffen geraten – eine Entwicklung, die die ohnehin angespannte Lage weiter destabilisiert.
Wie sieht die Welt in diesem Szenario aus?
Geopolitische Verhältnisse & Weltwirtschaft
In diesem Szenario ist die Weltordnung geprägt von einer bipolaren Struktur, in der zwei Grossmächte jeweils ihre Hemisphäre dominieren und dadurch die geopolitische und wirtschaftliche Entwicklung massgeblich beeinflussen. Zwischen den Grossmächten entfaltet sich eine komplexe wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Systemkonkurrenz. Während eine Grossmacht demokratisch regiert ist und auf Freihandel setzt, legt die andere Grossmacht, welche eher autoritäre Züge trägt, einen Fokus auf ein staatlich gelenktes Wirtschaftswachstum.
Die meisten Staaten ordnen sich einer der beiden Grossmächte unter; nur wenige Staaten erhalten die guten Beziehungen zu beiden Grossmächten aufrecht. Diese Teilung der Welt führt zu formellen und informellen Handelsbeschränkungen zwischen den Hemisphären, welche das globale Wirtschaftswachstum dämpfen und zu einer Stagnation führen. Innerhalb der Hemisphären wachsen einige Branchen der Wirtschaft weiterhin, wenn auch mit kleineren Wachstumsraten als in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.
Ungleichheit & Migration
Als Folge des abgeschwächten Wirtschaftswachstums nimmt die sozioökonomische Ungleichheit weltweit zu, wobei grosse Unterschiede in den einzelnen Staaten bestehen. In Staaten mit schwach ausgeprägtem sozialem Ausgleich führt die wachsende Ungleichheit zu gesellschaftlicher Fragmentierung und Polarisierung, wodurch das Vertrauen in Institutionen und der soziale Zusammenhalt spürbar abnehmen. In besonders stark von dieser Entwicklung betroffenen Ländern nehmen die Auswanderungsbewegungen deutlich zu. In Staaten, deren Unternehmen Arbeits- und Fachkräfte nachfragen, nehmen hingegen die Einwanderungsbewegungen deutlich zu.
Sicherheit, Klimawandel & Biodiversität
Die Rivalität zwischen den Grossmächten führt zu grossen Spannungen und äussert sich in einer zunehmend hybriden Konfliktführung. Diese umfasst eine hohe Kadenz von Cyberangriffen gegen kritische Infrastrukturen, staatliche Institutionen und ausgewählte Unternehmen, den Einsatz von Desinformationskampagnen sowie verdeckte Einflussoperationen. Beide Grossmächte wenden grosse Summen zum Erhalt und Ausbau der jeweiligen Verteidigungsfähigkeiten auf. Die Mittel fliessen in den Ausbau der Armee, die Anschaffung neuer Waffensysteme sowie auch in die Entwicklung neuer Technologien. In peripheren Regionen herrschen lokal begrenzte bewaffnete Konflikte, bei welchen die Grossmächte die jeweils verfeindeten Parteien finanziell, technologisch und militärisch unterstützen. Es besteht das Risiko, dass einer dieser Konflikte eskaliert und die Grossmächte in einen direkten zwischenstaatlichen Konflikt geraten.
Die angespannte geopolitische Lage hat zu einer Verschiebung der Prioritäten zugunsten der Verteidigungsfähigkeit in zahlreichen Staaten geführt. Die global bereits definierten Klimaschutzmassnahmen werden daher weitgehend ignoriert und Massnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels werden nur unzureichend ergriffen. Ebenso verzichten die Staaten auf eine wirksame Regulierung zum Schutz der globalen und regionalen Ökosysteme und die Sensibilität der Bevölkerung sowie der Wirtschaft für die Bedeutung der Klima- und Ökosysteme ist schwach ausgeprägt. Die globalen Durchschnittstemperaturen steigen daher weiterhin jährlich an, Biodiversitätsverluste nehmen zu, die Degradierung natürlicher Lebensräume schreitet rasch voran und Extremwetterereignisse häufen sich in vielen Regionen. Dementsprechend wird das 2-Grad-Ziel bereits 2040 verfehlt, wobei sich die Auswirkungen in den folgenden Jahren weiter verstärken. Gewisse Gebiete werden zunehmend unbewohnbar und es droht in einigen Regionen ein unwiederbringlicher Verlust an Biodiversität sowie regionaler Ökosystemleistungen. Der Zusammenbruch dieser natürlichen Grundlagen wirkt sich in diesen Gebieten direkt auf die Ernährungssicherheit, die öffentliche Gesundheit und die wirtschaftliche Entwicklung aus. Im Weiteren birgt dieser das Potenzial die globalen Lieferketten für bestimmte landwirtschaftliche Produkte zu gefährden.
Technologie & Europa
Das gegenseitige Ringen um die globale Vormachtstellung ist förderlich für die technologische Entwicklung. Diese schreitet weltweit rasant voran. Innovationen in digitalen Technologien, Künstlicher Intelligenz, Robotik, Biotechnologie sowie namentlich bei «dual-use-Gütern» eröffnen neue Chancen, verstärken jedoch zugleich die bestehenden Ungleichgewichte. Staaten, die technologisch führend sind, sichern sich geopolitische Vorteile, während andere zurückfallen und dadurch ihre Abhängigkeit von den dominanten Grossmächten verstärken.
Die Mehrheit der europäischen Staaten und die Europäische Union sieht sich als Teil der Hemisphäre, welche von der demokratisch regierten Grossmacht dominiert wird. Einzelne europäische Staaten pflegen aber enge Beziehungen zur rivalisierenden Grossmacht, welche bestrebt ist, eine vertiefte wirtschaftliche und politische Kooperation mit diesen Staaten aufzubauen. Als Folge der stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung haben sich die politischen Kräfteverhältnisse in mehreren europäischen Staaten verändert. In einem wichtigen EU-Mitgliedstaat sind euroskeptische Ansichten mehrheitsfähig geworden und haben zum Austritt dieses Staates aus der EU geführt. Auch in weiteren EU-Staaten werden politische Diskussionen über einen möglichen Austritt geführt. Die Fähigkeit der Europäischen Union, geschlossen zu handeln, ist daher beeinträchtigt und sie beschränkt ihre Zusammenarbeit zunehmend auf ausgewählte Bereiche. Diese Entwicklung schwächt ihre Rolle als globaler Akteur und macht ihre Mitgliedstaaten anfälliger gegenüber den Einflüssen der beiden dominanten Grossmächte.
Wie wirkt sich dies auf die Schweiz aus?
Die Schweiz in der demokratischen Hemisphäre
Die Schweiz sieht sich in diesem Szenario als Teil der Hemisphäre, welche von der demokratisch regierten Grossmacht dominiert wird. Sie pflegt daher enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu den Staaten, welche sich ebenfalls als Teil dieser Hemisphäre sehen. Zugleich zeigen die Staaten und Unternehmen, welche sich der anderen Hemisphäre zugehörig fühlen, ein zunehmend geringeres Interesse an einer politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Schweiz. Aufgrund der sich akzentuierenden Spannungen zwischen den beiden Hemisphären sieht sich die Schweiz des Weiteren gezwungen, eindeutiger Position zu beziehen. Die Wahrung der Neutralität gestaltet sich in diesem Umfeld innenpolitisch sowie aussenpolitisch als äusserst herausfordernd. Die Neutralitätspolitik wird von befreundeten Staaten zunehmend als opportunistisch wahrgenommen und in der Bevölkerung zeichnen sich in Umfragen Mehrheiten für eine formelle wirtschaftliche und militärische Annäherung an die Staaten der demokratischen Hemisphäre ab.
Gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Die zunehmende wirtschaftliche Abschottung der beiden Hemisphären und die damit einhergehende Stagnation der Weltwirtschaft stellt für den schweizerischen Wirtschaftsstandort eine Herausforderung dar. Dank guten Rahmenbedingungen sowie der Agilität der Gesellschaft und Unternehmen verzeichnet die schweizerische Wirtschaft weiterhin zwar positive, jedoch verhaltene Wachstumsraten. Dies ist einerseits auf die weiterhin starken Exportbranchen wie die Pharma- und Maschinenbauindustrie zurückzuführen, welche sich zunehmend auf die Entwicklung und Produktion von sehr spezifischen und qualitativ hochwertigen Gütern ausrichten. Andererseits profitierte die schweizerische Wirtschaft lange von ihrer Rolle als Drehscheibe für den Handel von Rohstoffen zwischen den Hemisphären und leistete damit einen wichtigen Beitrag für die Versorgung der demokratischen Hemisphäre. Diese Rolle steht jedoch zunehmend unter Druck, da sich die Schweiz zwar als neutraler Staat bezeichnet, sich aber der demokratischen Hemisphäre zuordnet. Aufgrund der ungleichen Verteilung der Branchen über die Schweiz sind die Kantone und Regionen unterschiedlich betroffen.
Im Visier der hybriden Konfliktführung
Die Auswirkungen der instabilen globalen Sicherheitslage, welche namentlich auf die anhaltenden Spannungen zwischen den Hemisphären zurückzuführen ist, machen sich auch in der Schweiz bemerkbar. Zum einen haben die in der Schweiz ansässigen globalen internationalen Organisationen einen weitgehenden Bedeutungsverlust erlitten, da jede Hemisphäre ihre jeweils eigenen Gremien zum multilateralen Austausch aufbaut und unterhält. Zum anderen geraten kritische Infrastrukturen, Unternehmen und staatliche Institutionen in der Schweiz massiver und umfassender ins Visier der hybriden Konfliktführung. Neben zahlreichen Cyberangriffen u.a. auf kritische Infrastrukturen nehmen auch Desinformationskampagnen und wirtschaftlicher Druck auf strategisch bedeutsame Branchen drastisch zu. Vor diesem Hintergrund hat die Schweiz Massnahmen zur Stärkung der Cyberabwehr, der Resilienz sowie der Verteidigungsfähigkeit ergriffen und die diesbezüglichen Ausgaben massiv erhöht. Im Weiteren pflegt sie enge Kontakte zum Verteidigungsbündnis der demokratischen Hemisphäre, betont dabei aber weiterhin ihre Neutralität. Verschiedene Staaten dieses Verteidigungsbündnisses erhöhen den Druck auf die Schweiz, sich an den gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen zu beteiligen.
Führungsrolle in den Bereichen Biotechnologie und Robotik
Das technologische Rennen zwischen den Hemisphären prägt auch den schweizerischen Forschungs- und Innovationsstandort. Im Bereich der Biotechnologie sowie der Robotik nimmt dieser eine Führungsrolle innerhalb der demokratischen Hemisphäre ein und trägt massgeblich zur Entwicklung neuer Technologien bei. Im Bereich der digitalen Technologien und Medien orientiert sich die Schweiz stark an den Technologien grosser Unternehmen mit Sitz im Staatsgebiet der demokratisch regierten Grossmacht. Entsprechend gross sind ihre Abhängigkeiten von deren Plattformen. Politik und Wirtschaft sind sich den damit einhergehenden Risiken für die digitale Souveränität der Schweiz bewusst, können aber keine überzeugenden Alternativen aufzeigen.
Überschwemmungen und Bergstürze
Die Folgen des Klimawandels treffen den Alpenraum und somit die Schweiz überdurchschnittlich stark. Im Mittelland führen Überschwemmungen zu grossen Sachschäden und verschiedene Bergdörfer mussten aufgrund von drohenden Hangrutschen und sich abzeichnenden Bergstürzen evakuiert werden. Nachdem ein Bergsturz einen international bekannten Touristenort in den Alpen teilweise zerstört hat, leidet der alpine Tourismus zunehmend. Bund und Kantone müssen erhebliche Mittel in Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel investieren. Dies umfasst auch Projekte zur Renaturierung, zum Schutz der Ökosysteme sowie komplexe Infrastrukturbauten. Die diesbezüglichen Ausgaben belasten den schweizerischen Staatshaushalt stark.
Innerpolitischer Druck im Bereich der Asylpolitik
Aufgrund der vergleichsweise guten Wirtschaftsentwicklung der Schweiz und der damit einhergehenden Nachfrage der Wirtschaft nach Arbeits- und Fachkräften, bleibt die Schweiz ein attraktives Zielland für Zuwandernde. Zugleich steigt der innenpolitische Druck auf die Schweiz in der Asylpolitik: Die instabile Sicherheitslage, die schwächelnde Weltwirtschaft sowie auch die Folgen des Klimawandels führen zu einem massiven Anstieg der Asylsuchendenzahlen in Europa und der Schweiz. Der Europäischen Union gelingt es nicht, eine koordinierte europäische Migrations- und Asylpolitik umzusetzen. Die Lage bleibt daher unübersichtlich.
Soziale Sicherung unter Druck
Der weltweite Trend zur wachsenden sozioökonomischen Ungleichheit zeigt sich auch in der Schweiz. Der Anteil der Einwohnenden, welcher mit bescheidenen wirtschaftlichen Mitteln lebt, nimmt – u.a. auch aufgrund der Migration infolge grosser Flüchtlingsbewegungen – drastisch zu. Zugleich steigt auch der Anteil von sehr vermögenden Personen an der Gesamtbevölkerung. Dieser Zuwachs ist in erster Linie auf die Zuwanderung von gut ausgebildeten und vermögenden Menschen aus der demokratischen Hemisphäre zurückzuführen. Aufgrund der zusätzlichen Mittel, welche die Schweiz in die Verteidigungsfähigkeit sowie in die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels investieren muss, steht zunehmend weniger Geld für die soziale Sicherung zur Verfügung. Da Steuererhöhungen mit Blick auf die stagnierende Weltwirtschaft in der Schweiz keine Mehrheiten finden, drohen umfassende Kürzungen bei den Sozialwerken.
Die anderen Szenarien

Szenario 2 – Regionale Allianzen
Die Welt zerfällt zunehmend in isolierte geopolitische, wirtschaftliche und teils militärische Einflusszonen, was Handel und technologischen Fortschritt bremst. In diesem fragmentierten Umfeld bleibt Europa ein Pol der Stabilität, sieht sich jedoch verstärkt hybriden Bedrohungen ausgesetzt. Beim Klimaschutz fehlen bislang die nötigen Innovationen und die internationale Koordination, während der Biodiversitätsverlust globale und regionale Ökosysteme gefährdet. Trotz stagnierender sozioökonomischer Ungleichheit nehmen die Migrationsbewegungen zu.

Szenario 3 – Dominierende Macht
Eine einzelne Macht dominiert die globale Bühne politisch, wirtschaftlich, technologisch und militärisch, setzt ihre Standards durch und drängt Europa in eine begrenzte Rolle. Diese Hegemonie befeuert eine neue Globalisierungswelle, die Wachstum und Sicherheitsstabilität fördert und tendenziell Ungleichheiten sowie Migrationsdruck mindert. Zwar festigt die technologische Dominanz die Abhängigkeit, doch dank ihrer Innovationen kommen der Klimaschutz voran, die Emissionen sinken und die Biodiversität wird gestärkt.
Weiterführende Inhalte
Handlungsfelder für die Schweiz
Die Erkenntnisse aus dem Szenarien-Raum sind bereits in der Gegenwart zu adressieren, um zentrale Herausforderungen sowie Chancen erfolgreich nachhaltig zu bewältigen bzw. zu nutzen.
